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Wissenschaft für eine Stadt im Wandel

Dr. Annette Klinkert und Joscha Brünnich im Interview

Im Zuge einer wissensbasierten Stadtentwicklung werden Wissen, Forschung und Bildung zu zentralen Treibern der Stadtgestaltung – nicht nur als Ergänzung zur Wirtschaft, sondern als wesentliche Bestandteile der urbanen Identität. Erkenntnisse aus Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft werden dabei aus der Theorie in die Praxis übertragen: Sie prägen Bildungskonzepte, nachhaltige Stadtplanung, neue Mobilitätsformen und die gesamte Lebensqualität. Wolfsburg befindet sich im Wandel – von der klassischen Industriestadt hin zu einem Ort, an dem Mobilität, Nachhaltigkeit und Innovation gemeinsam gedacht werden. In diesem Prozess gewinnen neue Ansätze und Kooperationen eine besondere Bedeutung.

Joscha Brünnich, Projektleiter bei der Strategie- und Organisationsberatung Heinze und Partner, und Dr. Annette Klinkert, Geschäftsführerin des international ausgerichteten Büros für Wissenschaftskommunikation city2science, haben das Zukunftskonzept Wissenschaft mitentwickelt. Im Interview sprechen sie darüber, wie eine wissensbasierte Stadtentwicklung Brücken bauen kann: zwischen Forschung und Wirtschaft, zwischen Stadtgesellschaft und Hochschulen, zwischen jungen Talenten und etablierten Unternehmen.

Warum braucht Wolfsburg ein Zukunftskonzept Wissenschaft – und warum gerade jetzt?
» Brünnich: Wolfsburg ist ein hochinteressanter Standort mit guten Voraussetzungen für dieses Konzept, was jedoch durch die starke Prägung der Automobilindustrie oft untergeht. Das spiegelt sich in der fehlenden Wahrnehmung vieler hochkarätiger Angebote und Institutionen wider. In aktuellen Projekten steckt viel Potenzial, gerade weil wir eine Transformation der Mobilität und eine Gesellschaft im Umbruch erleben. Wolfsburg ist gut positioniert, was Zukunftsthemen angeht, die Akteure vor Ort entwickeln Projekte weiter, auch wenn es nach außen nicht immer sichtbar ist. Im Zuge der aktuellen Entwicklungen ist es wichtig, sich breit aufzustellen, denn durch die Wissenschaft wird auch die Wirtschaft gestärkt – Unternehmen, Bevölkerung und der Standort an sich profitieren davon.

Welche besonderen Potenziale sehen Sie für Wolfsburg als Wissenschaftsstandort – auch im Vergleich mit anderen Städten?
» Klinkert: Wolfsburg verfügt über starke Potenziale: die Nähe zur Automobilindustrie, innovative Bildungsakteure wie Ostfalia, 42 Wolfsburg, OHLF und den entstehenden Medizincampus, sowie Leuchttürme wie das phaeno oder die Autostadt. Im Vergleich zu anderen Städten bietet Wolfsburg kurze Wege, eine hohe Umsetzungsdynamik und ein außergewöhnliches Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtentwicklung.

» Brünnich: Wissenschaftsstandorte sind eine Bereicherung und eine Schnittstelle auf vielen Ebenen. Nicht nur die Wirtschaft profitiert durch Innovationen und Ausbildungsstandorte – die kulturelle Landschaft, die Bildung, das Demokratieverständnis und letztendlich die gesamte Entwicklung der Stadt sowie ihr Image. Somit wird die Stadt auch für junge Leute attraktiver, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken und sich auch nach ihrer akademischen Ausbildung weiterhin mit der Stadt identifizieren können, sofern sie sich wohlfühlen.

Wenn Sie auf andere Städte blicken: Wo zeigt sich bereits heute, dass die enge Verbindung von Stadt, Wissenschaft und Hochschulen zu neuen Impulsen führt?
» Brünnich: Wir haben beispielsweise Aachen in der Markenentwicklung begleitet, wo die renommierte RWTH Universität als eine der größten Technischen Universitäten Europas beispielhaft auf die Bereiche Wirtschaft, Innovationskultur, Attraktivität und Stadtentwicklung einzahlt. In Bochum wird momentan das ‚Haus des Wissens‘ als Ort des Austauschs, Lernens und der Stadtgesellschaft gebaut, was ein Paradebeispiel für ‚Dritte Orte‘ einer Stadt ist.

» Klinkert: Beispiele aus anderen Städten – wie Heilbronn, Dortmund oder Karlsruhe – zeigen, dass sich durch die enge Kooperation von Stadt, Wissenschaft und Wirtschaft neue urbane Qualitäten und Innovationsökosysteme entwickeln lassen. Wolfsburg kann aus diesen Erfahrungen lernen, eigene Profile schärfen und sichtbare Orte der Wissenschaft etablieren.

Wissenschaft ist oft unsichtbar im Alltag vieler Menschen. Wie kann sie in Wolfsburg sichtbarer und erlebbarer gemacht werden – welchen Beitrag können die Experimentierräume in Wolfsburg dazu leisten?
» Klinkert: Wissenschaft wird sichtbar, wenn sie in den Alltag integriert wird. Experimentierräume, Reallabore und niedrigschwellige Formate wie Wissenschaftsfeste oder ‚Open Labs‘ schaffen Begegnungspunkte zwischen Forschung und Stadtgesellschaft. Sie fördern Neugier, Teilhabe und Vertrauen in Wissenschaft – wichtige Voraussetzungen für eine lernende Stadtgesellschaft.

» Brünnich: Die Experimentierräume sehe ich als spannende Maßnahme, um Impulse zu setzen, neue Akteure zu gewinnen und ihnen vielfältige Möglichkeiten zu bieten. Ziel ist es außerdem, Menschen zu besonderen Orten zu bringen und sie mit neuen Ansätzen zu überraschen. Diese Angebote sind agile Ansätze, die ausprobiert werden – mit dem Gedanken: Zahlt das auf unsere gemeinsame Vorstellung, Wolfsburg als zukunftsorientierten Standort zu gestalten, ein? Die Räume können ein Teil davon sein, der hilft, dieses Ziel zu erreichen.

Wie können die Experimentierräume in Zukunft noch besser genutzt werden, um Innovation und Wissenstransfer zu stärken?
» Klinkert: Zukünftig sollten Experimentierräume stärker thematisch vernetzt und in die Stadtentwicklung eingebunden werden – als dauerhafte Innovationsräume, in denen Stadt, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen gemeinsam Zukunftsthemen wie Mobilität, Gesundheit oder Kreislaufwirtschaft bearbeiten.

© city2science

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Umsetzung des Konzepts in den nächsten Jahren?
» Klinkert: Erfolgsfaktoren sind eine klare strategische Steuerung, langfristige Finanzierung, interdisziplinäre Kooperation und ein gemeinsames Verständnis von Wissen als öffentlicher Wert. Entscheidend ist auch, dass Stadtverwaltung und Wissenschaft institutionell verankert zusammenarbeiten und Prozesse kontinuierlich kommuniziert werden.

    In Wolfsburg werden aktuell vielfältige neue Studienangebote aufgebaut, Forschungsinfrastruktur erweitert und Kooperationen vereinbart. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Stadt als Wissenschaftsstandort ein?
    » Klinkert: Mit dem Ausbau von Studienangeboten, Forschungsinfrastruktur und Kooperationen – von der Ostfalia über den Medizincampus bis zu digitalen Lernorten – ist Wolfsburg auf dem Weg, ein profilierter Wissenschaftsstandort zu werden. Entscheidend wird sein, diese Einzelinitiativen strategisch zu vernetzen und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen.

    Herr Brünnich, wie schätzen Sie die zukünftige Umsetzung der Ziele des Zukunftskonzeptes ein?
    » Die Entwicklung sollte auf mehreren Ebenen betrachtet werden. In den nächsten fünf Jahren können viele Maßnahmen starten, doch bis ihre Wirkung in der Stadtgesellschaft sichtbar wird, braucht es Zeit. Wichtig ist, regelmäßig zu prüfen, ob Ziele, Maßnahmen und Strategie noch passen. Das Lernen aus dem Prozess bietet großes Potenzial für Weiterentwicklung. Besonders beeindruckt hat mich der Charme der Wolfsburger Viertel zwischen Industrie und Vielfalt – ein wichtiger Faktor, um die Stadt für junge Menschen attraktiver zu machen. Die Zusammenarbeit mit den engagierten Akteuren war bereichernd und stimmt mich zuversichtlich, dass sich ihr Einsatz lohnen wird.

    Frau Klinkert, wenn Sie den Wolfsburgern eine Botschaft mitgeben könnten – warum lohnt es sich, die Möglichkeiten des Zukunftskonzeptes zu nutzen?
    » Meine Botschaft an die Wolfsburger und Wolfsburgerinnen: Das Zukunftskonzept Wissenschaft ist eine Einladung, die eigene Stadt aktiv mitzugestalten – als Ort des Lernens, Forschens und Zusammenlebens. Jede und jeder kann Teil dieser Transformation werden. Wer die Chancen nutzt, gestaltet nicht nur Wolfsburgs Zukunft, sondern auch die Wissensgesellschaft von morgen.


    Titelfoto: © Heinze und Partner, Foto: Nico Kleemann