Wie kann der Wandel gelingen?
Professor Denis Royer blickt auf die Zukunft Wolfsburgs
Prof. Dr. Denis Royer ist in der Region aufgewachsen und erlebt Wolfsburg derzeit im Wandel. Im Interview erläutert der Professor für E-Business und Digitalisierung sowie Dekan der Fakultät Wirtschaft an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, welche Faktoren er für die zukünftige Entwicklung der Stadt als besonders relevant einschätzt.
Wie bewerten Sie die Ausgangslage Wolfsburgs für einen tiefgreifenden Wandel?
» Wolfsburg geht aktuell durch einen Wandel, der, wie alle Veränderungen, Chancen und Risiken mit sich bringt. Wir haben gute Voraussetzungen, eine starke Industrie, eine leistungsfähige Infrastruktur, eine starke Basis im Bereich Forschung und Wissenschaft. Auch die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, wie neue Entwicklungen hier umgesetzt werden können. Die Basis ist vorhanden, aber so ein Prozess braucht Zeit und kann nicht von heute auf morgen umgesetzt werden.
Das Standortkonzept Wolfsburg 2035+ setzt stark auf Zukunftsfelder wie KI, Zivilschutz, Medizintechnik oder Kreislaufwirtschaft. In welchem wirtschaftlichen Bereich der Stadt steckt Ihrer Meinung nach das größte Potenzial?
» Ich denke, wir sollten die Felder nicht separiert voneinander betrachten. Der Erfolg wird sich darin zeigen, wie diese Bereiche gezielt zusammengeführt werden können. Als Teil der Arbeitswelt und Innovationsmotor spielt KI als Querschnittstechnologie eine große Rolle und bündelt hohe Erwartungen, dennoch hängt der Output immer mit den aktuellen Entwicklungen zusammen. Die Felder Medizintechnik und Zivilschutz sind technologisch, organisatorisch und wirtschaftlich stärker miteinander vernetzt, als es vielleicht den Anschein macht. Was die Kreislaufwirtschaft angeht, sind wir mit starken Forschungspartnern wie beispielsweise der OHLF und der Ostfalia gut aufgestellt und können viel Potenzial aus bestehenden Projekten schöpfen. Aus meiner Sicht sind also, KI einmal außer Acht gelassen, Medizin und Kreislaufwirtschaft die relevantesten Felder.
Wolfsburg möchte sich als digitale Modellstadt positionieren. Welche Voraussetzungen sehen Sie dafür?
» Die Themen Datenbasis und die Vernetzung von Daten wurden in der Stadt frühzeitig mitgedacht, integriert und bieten langfristig viel Potenzial, Lösungen in den verschiedensten Bereichen wie Verwaltung, Parkhausabfragen und Infrastruktur zu bieten. Mit Projekten wie dem „Digitalen Zwilling“ kann Wolfsburg außerdem seine Innovationskraft im Bereich Smart City und Stadtentwicklung nutzen. Der Standort bietet den großen Vorteil, Technologien nicht nur entwickeln, sondern im Reallabor testen zu können. Bis digitale Innovationen fest in bestehende Strukturen integriert werden können, braucht es aber auch hier wieder Zeit.
Wo sehen Sie aktuell noch Herausforderungen für das Vorhaben in Wolfsburg?
» Wir haben gute Pläne und vielseitig begabte Menschen, die sie umsetzen können. Die bestehenden Chancen können aber nur genutzt werden, wenn sich alle Beteiligten als ein großes Netzwerk verstehen und sich synergetisch in die gleiche Richtung bewegen. Außerdem geht es in Veränderungsphasen und Transformationsprozessen auch darum, das zu tun, was schwerfällt: Das, was einmal funktioniert hat, aber heute nicht mehr nützlich ist, zu erkennen und hinter sich zu lassen.
Wie wichtig ist die enge Zusammenarbeit zwischen Hochschule, Stadt, Unternehmen und allen Beteiligten für die Entwicklung eines Innovationsstandorts?
» Das ist einer der zentralen Faktoren für die Umsetzung von Veränderungen. Ein solches Vorhaben kann nur funktionieren, wenn alle ihren Beitrag leisten und dafür auch genug Raum geboten wird. Die Zusammenarbeit mit der Stadt hat bereits viele innovative Projekte möglich gemacht, wie zum Beispiel den gemeinsamen Ausbau des Campus, was zeigt, dass wir auf einem guten gemeinsamen Weg sind. Wir als Hochschule sehen es darüber hinaus neben Forschung und Ausbildung natürlich auch als unsere Aufgabe an, die Stadt und ihre Stärken nach außen zu tragen.
Im Konzept ist ein Accelerator für technologieorientierte Start-ups vorgesehen. Wie wichtig sind solche Strukturen für Gründungen?
» Mit dem Accelerator soll ein Raum geschaffen werden, in dem Start-ups ihre Ideen außerhalb bestehender Strukturen umsetzen und erproben können. Solche Orte abseits bestehender Pfade sind wichtig, um Pläne gezielt voranzutreiben und Räume zum Ausprobieren zu schaffen. Im gegenseitigen Austausch mit anderen Innovationstreibenden entstehen außerdem neue Ansätze und Impulse.
Wie kann Wolfsburg attraktiver für beispielsweise Start-ups werden?
» Das große Thema Sichtbarkeit spielt hier eine zentrale Rolle. Wir sind zwar nicht Berlin, aber das Image, das seit der Gründung noch immer an Wolfsburg haftet, wird der Stadt auch nicht gerecht. Wolfsburg hat mehr Potenzial, als nur Industriestandort zu sein, und das müssen wir zeigen. Vor allem für Start-ups können unsere Forschungsaktivitäten, Netzwerke und Möglichkeiten von großem Interesse sein. Auch wir an der Ostfalia fördern die Studierenden mit praxisnahen Projekten, Beratung und Anliegen rund um die Themen Gründung und Selbstständigkeit.
Was erwarten Studierende heute von einem modernen Wirtschafts- und Lebensstandort wie Wolfsburg?
» Junge Menschen suchen hier nicht nur einen Studienplatz, sondern Perspektive und Orientierung. Für sie spielt es eine große Rolle, an der Zukunft partizipieren zu können, sinnstiftende Themen anzugehen, neue Arbeitsformen kennenzulernen und sich in einem innovativen Umfeld zu bewegen. Standortfaktoren wie attraktiver Wohnraum, Freizeit- und Kulturangebote sind natürlich auch ausschlaggebend für die Studierenden und alle Menschen, die nach Wolfsburg kommen und hier leben. Was diese Themen angeht, befinden wir uns auf einem guten Weg. Wir als Hochschule haben das Glück, in Kooperation mit der Stadt mitgestalten zu können und die Perspektive derer einzubeziehen, die von den Maßnahmen profitieren sollen.
Wie schätzen Sie die Zukunft des Standorts Wolfsburg unter Berücksichtigung des Standortkonzepts Wolfsburg 2035+ ein?
» Wir können Dinge positiv verändern, wenn wir den Mut haben, den Weg zu gehen. Wolfsburg bietet dafür mit Innovationskraft, Netzwerken, Wirtschaft, Forschung und engagierten Playern vor Ort eine gute Basis und ich glaube daran, dass wir Lösungen finden werden. Für die langfristigen Maßnahmen im Zusammenspiel von Wirtschaft, Stadt und Gesellschaft ist das Konzept der Grundstein für alles, was nachhaltig Wirkung entfalten kann. Die Strecke wird auf jeden Fall kein Sprint, sondern ein Marathon und es liegt an allen Beteiligten, sich auf diesem Weg gegenseitig zu unterstützen.